Loslassen & Lesen

 

Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag. Er war vereint mit seinem Atem, denn schnell hatte er bemerkt, wie wenig hilfreich es war, sich aufzuregen, sich Sorgen zu machen, weiter als an den nächsten Schritt zu denken. All dies hinderte ihn daran, im Moment aufzugehen. Und er sah, was er noch nie gesehen hatte. Die Welt voller Zeichen, die er lesen konnte.“

aus: Lukas Bärfuss: Hagard

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Wort der Woche

fernrohr

 

 

Desillusionsmaschine

 

 

 

 

 

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Bahnhofs-Beat-Master

Am Hauptbahnhof steige ich aus der Linie 4 und ströme mit den anderen Fahrgästen im Stechschritt über den Vorplatz Richtung Bahnhofshalle, während von irgendwoher Techno-Mucke mit heftigen Wumms über den Platz schallt; die Musikquelle kann ich nirgends entdecken, also halte ich ein paar Meter vor dem Haupteingang inne, lasse meinen Blick schweifen und entdecke einen Typen, der ganz allein auf dem Rasenstreifen vor dem Überseemuseum steht und sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen lässt, während die bierkastengroße Verstärkerbox, die er sich auf seinen Rücken geschnallt hat, den Bahnhofsplatz mit Beats versorgt.

 

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Zeit für die ›Zeit‹

Die Zeit ist etwas, was unser Leben bestimmt und untrennbar mit ihm verknüpft ist, weshalb der Begriff ›Zeit‹ natürlicher Bestandteil unseres Alltags ist. Die abendländische Philosophie setzt sich seit weit über 2000 Jahren mit diesem Begriff intensiv auseinander. Auch für Professor Manfred Stöckler ist die Zeit immer noch ein spannendes Forschungsgebiet. Der studierte Physiker und habilitierte Philosoph arbeitet seit 1991 an der Bremer Universität. Zum Thema Zeit hat er schon mehrere wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Im Interview mit dem zett-Magazin gewährt er einen Einblick in die Philosophie der Zeit.

zett: Herr Stöckler, Augustinus hat einmal gesagt: ›Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich, was die Zeit ist, aber will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht mehr.‹ Würden Sie dennoch für uns versuchen, die Zeit zu erklären?

Manfred Stöckler: Zeit ist wie Raum eine ganz grundsätzliche Voraussetzung zum Verständnis von Veränderung. Es ist ganz schwer zu definieren, was Zeit ist, aber man kann sagen, welche Funktion sie hat. Da ist Leibniz vielleicht ganz gut: Zeit ist die Ordnung des Nacheinander. Wir stellen einfach fest, dass bestimmte Ereignisse nacheinander kommen. Das ist auch der Bezug von Augustinus: Wir können mit Zeit umgehen, es ist gar nicht notwendig, Zeit zu definieren. Das Wesentliche ist Veränderung und gerade bei Augustinus die Erfahrung, dass wir uns nicht aussuchen können, was vergangen und was zukünftig sein soll.

„Zeit hat einen Doppelaspekt: Einmal ist etwas Objektives da, Bewegung, und wir machen mit unserem Bewusstsein etwas mit dieser Bewegung. Beides zusammen braucht man, um Zeit zu verstehen.“

zett: Ist Zeit überhaupt etwas, was außerhalb des Menschen unabhängig von ihm existiert?

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Wiener Hofgespräche

 

Am späten Abend im Wiener Hofcafé ist selbst die Dame hinterm Tresen voll – die zwei Gäste vor dem Tresen sowieso. Ein Vollbärtiger mit rot leuchtender Kartoffelnase philosophiert mit schwungvoller Brummbärstimme über Sinn und Unsinn von Flaschenbier im Glas, zieht sein T-Shirt am Bund ein paar Zentimeter in die Höhe und präsentiert seiner Sitznachbarin auf dem Barhocker neben ihm seine nackte Wampe mit einem Grinsen, das zwei oder drei Zahnlücken preisgibt. Die Frau, die bestimmt zehn oder fünfzehn Jahre jünger als der vermutlich schon sechzigjährige Bauchbesitzer sein dürfte, nickt anerkennend.

Da steckt wohl ein Kleinwagen drin.“

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Der Frankfurter Flaneur

In „Tarzan am Main“ skizziert Wilhelm Genazino in Prosaminiaturen die Szenerie Frankfurts sowie Etappen seiner eigenen Biografie.

Frankfurt am Main wird von einigen Bewunderern für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten. Die für deutsche Verhältnisse imposante Skyline des Bankenviertels brachte ihr sogar einen Vergleich mit New York und den Spitznamen „Mainhattan“ ein. So beeindruckend die Frankfurter Bankentürme von Weitem wirken mögen: „Zwischen den Türmen selber ist nichts los.“ Das zumindest meint Wilhelm Genazino – und der sollte es wissen, schließlich lebt er seit 1970 in Frankfurt.

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Butterkuchenforscher mit Wespe

Ein Mann, der an einem Tisch vor einer Bäckerei mit einer Kuchengabel in der Hand dasitzt und seit über einer Minute sein etwa 20 Zentimeter vor ihm auf einem Teller ruhendes Butterkuchenstück betrachtet – mal leicht nach links, mal leicht nach rechts gebeugt –, ohne es anzurühren. Als wäre der Kuchen ein sonderbares, erforschenswertes Objekt, dem man sich mit gebotener Vorsicht anzunähern habe; und so wirkt der Mann in seiner Butterkuchenbetrachtung für Außenstehende ebenso sonderbar wie für ihn selbst offenbar das vor ihm stehende Gebäck – bis ein schwarz-gelbes Insekt ins Blickfeld krabbelt, noch einen Augenblick auf dem Kuchen verweilt und schließlich davonfliegt, vielleicht um seinen Wespenfreunden von dem äußerst schmackhaften Berg zu berichten, an dem man ungestört knabbern darf …

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tod.tschick.herrndorf

Zum vierjährigen Todestag von Wolfgang Herrndorf erinnere ich am 25. 8. mit Vortrag & Lesung im Bremer Kukoon an den Maler & Schriftsteller, der vor allem durch seinen Jugendroman „Tschick“ zum Kultautor geworden ist.

Als Herrndorf 2010 mit „Tschick“ der Durchbruch als Schriftsteller gelingt, leidet er bereits unter einem Gehirntumor. Er weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und stürzt sich in die Arbeit. Neben „Tschick“ vollendet er innerhalb weniger Monate den Agententhriller „Sand“ und arbeitet an einer Fortsetzung zu „Tschick“, die 2014 (als unvollendeter Roman) unter dem Titel „Bilder deiner großen Liebe“ erscheint.

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Engel und Liebende

Olga Martynova erzählt von den Problemen der Liebe

Als Olga Martynova 2013 in einem Interview gefragt wurde, worum es in ihrem prämierten Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gehe, fiel ihr die Antwort nicht leicht. Es gehe um Vieles, meinte die deutsch-russische Autorin schließlich, aber vor allem um die Liebe. Gleiches ließe sich über ihren Roman „Der Engelherd“ sagen. Auch hier geht es um dies und das, jedoch vor allem um das ganz große Gefühl. Zum Beispiel um die Liebe zwischen dem in die Jahre gekommenen Erfolgsschriftsteller Caspar Waidegger und der etwa halb so alten Doktorandin Laura, die über Waideggers Werk promoviert. Ob Laura tatsächlich den Mann liebt oder vielleicht doch nur sein Werk, weiß sie selbst nicht so genau. Der Autor hingegen scheint bloß seine Ruhe haben zu wollen und die Möglichkeit, bei Bedarf über Laura zu verfügen. Erst als diese sich von ihm zu lösen beginnt, spürt er, dass er mehr für sie empfindet – doch die entscheidenden Worte bleiben ungesagt.

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Schnaps gegen Kafka

 

„Schnaps gegen Kafka“ ist ein Text, den ich für den 1. Teil der Lesereihe „Kafka in der Arschtasche“ geschrieben und bei der 5. Ausgabe noch einmal in einer überarbeiteten Version gelesen habe.

Viel Spaß beim Hören & nicht vergessen: Erzähler & Autor sind natürlich nicht identisch:-)

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