Urlaubsstillleben in Zeitlupe

In der Morgensonne auf einem Korbstuhl am See sitzen und zum Butterkipferl einen Milchkaffee schlürfen, während die Spatzen auf Krümel hoffend zwischen den Stuhlbeinen herumhopsen und südostasiatisch anmutende Touristinnen auf der Seepromenade mit ihren Smartphones Selfies von sich knipsen.

 

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Gedankengestöber in Rom

F. C. Delius sitzt neben dem Papst und entromantisiert die Ewige Stadt

Ein März-Sonntag im Jahr 2011. Ein deutscher Archäologe, der sich inzwischen als Fremdenführer verdingt, legt vor seiner nächsten Tour eine Verschnaufpause ein. Er setzt sich in die letzte Reihe einer evangelischen Kirche und entdeckt in der Bank neben sich – den Papst. Unauffällig gekleidet, „ohne seine autoritätsverheißende Tracht“, sitzt der Stellvertreter Gottes da und betet vor sich hin. Sogleich ist der „pensionierte Scherbenputzer“ in seinem Element und beobachtet mit verstohlenem Blick die linke Hand des Papstes wie ein antikes Fundstück, dessen Oberfläche er zu lesen versucht. Der Anblick der berühmten Hand setzt in seinem Kopf ein Assoziationsrauschen in Gang: Er sinniert über die Rolle des Papstes, durchstreift im Geiste die Ewige Stadt, rekapituliert hanebüchene Episoden der Kirchengeschichte und dekonstruiert en passant das romantisierende Klischee, das sich Rombesucher mithilfe von Fellini-Filmen an der Realität vorbeistricken.

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Softeis-Visionen

 

Ein bulliger, knapp vierzigjähriger Typ in Bluejeans, grau-blauem Pulli und mit blondiertem Bürstenhaarschnitt baut in der Morgensonne mit routinierten Handgriffen seinen Softeis-Stand an der Kreuzlinger Seepromenade auf, während weit darüber, am wolkenlos blauen Himmel, ein weißer Zeppelin schwebt – mit einem in grünen Großbuchstaben leuchtenden Werbeslogan auf seiner linken Flanke:

VISIONEN LEBEN!

 

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Betrinktempo

 

„Das Leben ist kurz; wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren.“

[Arno Schmidt: Kühe in Halbtrauer]

 

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Flucht statt Karriere

In Olga Grjasnowas Roman “Gott ist nicht schüchtern” zerstört der Krieg die Träume eines Arztes und einer Schauspielerin und degradiert sie zu Geflüchteten

Literatur kann Schmerzen verursachen – und zwar immer dann, wenn sie Gewalt, Leid, Krieg und Tod so plastisch und eindringlich schildert, dass man die Szenen unmittelbar vor Augen zu haben glaubt. Leser, die solche Bilder nicht ertragen, sollten die Finger lassen von Olga Grjasnowas mittlerweile dritten Roman. In „Gott ist nicht schüchtern“ erzählt die 33-jährige deutsch-aserbaidschanische Autorin eine alles andere als bekömmliche Geschichte. Genaugenommen erzählt sie zwei Geschichten. Zum einen die von der jungen Schauspielerin Amal, die – noch während ihres Studiums in Damaskus – als Hauptdarstellerin einer Fernsehserie gerade kurz davor ist, so richtig durchzustarten. Zum anderen die Geschichte von Hammoudi, der vor wenigen Wochen sein Medizinstudium in Frankreich mit Auszeichnung abgeschlossen und bereits einen lukrativen Arbeitsvertrag mit einem renommierten Pariser Krankenhaus in der Tasche hat.

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Laloire schlägt auf

Olga Grjasnowa – 15. Juni 2017 um 18 Uhr

Stadtbibliothek Bremen (Krimibibliothek)

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Feine Dichtung

Und so war es in diesem Jahr bei der Eröffnungsgala von poetry on the road.

Am Freitagabend gab es den offiziellen Startschuss für das 18. internationale Literaturfestival „poetry on the road“ im Bremer Theater

Am Anfang steht eine Art Klagegesang. Arabische Verse, die von vertriebenen, ausgebeuteten und im Meer ertrinkenden Menschen berichten. Es sind eindringliche Bilder, die der 38-jährige syrisch-schwedische Dichter Ghayath Almadhoun in seinem teils dialogisch angelegten Langgedicht kreiert. Er schildert eine globalisierte Welt, in der Diamanten- und Waffenhandel, Wohnblöcke zertrümmernde Bomben, Asylsuchende und im Mittelmeer treibende Leichen nicht voneinander zu trennen sind. Es ist ein ebenso berührender wie bedrückender Auftakt eines Schriftstellers, der selbst in einem Flüchtlingslager geboren wurde und seine Lesung seinem zwei Tage zuvor getöteten Onkel widmet.

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Gelungener Poesie-Marathon

Nach Prelaunch I & II geht´s heute offiziell los mit poetry on the road. Wie in den vergangenen Jahren sind bei der Eröffnungsgala wieder Autor*innen aus aller Welt zu Gast im Theater am Goetheplatz. Jedes Mal wieder ein inspirierender Poesie-Marathon! Und so war es im vergangenen Jahr …

Zur Eröffnung des 17. internationalen Literaturfestivals „poetry on the road“ im Mai 2016 

Am Ende, 20 Minuten vor Mitternacht, ist der Kopf vollgestopft mit Poesie, mit einfühlsamen Versen aus Schweden, schwermütigen Gedichten aus Österreich, musikalischer Lyrik aus Jamaika und filigranen Poemen aus Deutschland. Über dreieinhalb Stunden erstreckte sich die Eröffnungsveranstaltung vom 17. Internationalen Literaturfestival „poetry on the road“ im ausverkauften Saal des Bremer Theaters am Goetheplatz. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Veranstaltung bereits eine Dreiviertelstunde alt war, als die Moderatorin Silke Behl endlich den ersten Gastpoeten vorstellen durfte. Zuvor gab es den üblichen Vorlauf mit Begrüßung durch die Festivalleitung Regina Dyck (mit einer Rede) und Michael Augustin (mit eigenen Gedichten) und der offiziellen Begrüßung durch die Staatsrätin für Kultur, Carmen Emigholz.

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Eine liebevolle Autorin

Unsentimental berichtet Ulrike Edschmid von einer besonderen Liebe

Zwei Liebende wollen einen neuen Lebensabschnitt beginnen, indem sie zusammenziehen. Eine geräumige Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg ist bereits gefunden, muss aber noch renoviert werden. Während die Frau ihrer Arbeit wegen verreist, will der Mann im neuen Domizil eine Ecke unter der Decke ausbessern, gerät auf der Klappleiter ins Wanken und stürzt in die Tiefe. Er werde nie wieder gehen können, prognostizieren die Ärzte, doch der Mann gibt nicht auf und betritt schließlich Wochen später die neue Wohnung mithilfe von Krücken. Der Aufbruch in das neue gemeinsame Leben ist natürlich dennoch ein anderer als ursprünglich geplant. Vieles von dem, was früher selbstverständlich war, ist nicht mehr möglich – aufeinander zulaufen, sich in die Arme fallen oder miteinander tanzen. Das Gehen wird für ihn eine Herausforderung bleiben und das Fallen eine ständige Bedrohung.

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Hauptsache, die Pointen sitzen

Und so war es in diesem Jahr mit Heinz Strunk alias Jürgen Dose.

Bei der Vorstellung seines neuen Romans im Bremer Schlachthof füttert Heinz Strunk sein Publikum mit Gags und komischen Einlagen

Als Heinz Strunk im vergangenen Jahr mit seinem Roman “Der goldene Handschuh“ auf Lesetour war, konnten jene Zuhörer, die das Buch bereits gelesen hatten, Zeugen einer sonderbaren Verwandlung werden. Strunk präsentierte eine auf 90 Minuten eingedampfte und pointengeschwängerte Zusammenfassung seiner an sich düsteren True-Crime-Story über den Serienmörder Fritz Honka. Von der eigentlich einfühlsamen Milieustudie blieb in der Lese-Fassung nicht viel übrig. Offenbar hatte der Entertainer vermeiden wollen, dass die Fans seines bisher eher humoristischen Werks („Fleisch ist mein Gemüse“, Studio Braun, Fraktus) enttäuscht sein könnten. All jenen, denen „Der goldene Handschuh“ selbst in der klamaukigen Lese-Fassung noch zu harter Tobak war, versprach Strunk abschließend, dass sein nächstes Buch wieder lustiger werde.

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