Schlagwort-Archive: deutschsprachige Gegenwartsliteratur

So jung kommen wir nicht mehr zusammen

Ahrens-Witzel sw

Im Rahmen der 40. Literarischen Woche Bremen lesen vom 18. bis 26. Januar nicht nur der Buchpreisträger Frank Witzel und der Preisträger des Bremer Literaturpreises Henning Ahrens, sondern insgesamt ein knappes Dutzend Schriftsteller*innen. Und mit Janko Marklein, Fabian Hischmann und Antonia Baum stellen gleich drei jüngere Autor*innen in einer gemeinsamen Lesung am 26. Januar ihre Coming-of-Age-Romane in der Bremer Stadtwaage vor.

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist der skurril ausschweifende Titel des Romans, mit dem Frank Witzel im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis absahnte. Darin entfaltet Witzel auf 800 Seiten den irrwitzigen Kosmos eines 13-Jährigen, der Ende der 60er in der BRD nicht nur mit den Geschichten der RAF-Terroristen aufwächst, sondern von ihnen geradezu besessen scheint und auch bleibt, als er älter wird. Dass das Erwachsenwerden mit einer solchen Obsession nicht unbedingt einfacher wird, kann man sich vorstellen, und somit passt das Werk, aus dem Witzel am 21. Januar in der Stadtbibliothek lesen wird, perfekt zum Motto der diesjährigen Literarischen Woche. „Generation im Aufbruch. Von der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens“ lautet das Motto, unter dem die 40. Ausgabe des traditionsreichen Literaturfestivals steht.

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Eingeordnet unter ältere Bücher, Bücher 2015, Bremen

Nächtlicher Stimmenchor aus der Uckermark

Stanisic

Saša Stanišić erzählt in seinem zweiten Roman „Vor dem Fest“  auf kunstvolle Art die Geschichte eines uckermärkischen Dorfes und seiner Bewohner

Der Autor Maxim Biller hat Anfang 2014 einen Klagegesang über die angeblich so biedere deutsche Gegenwartsliteratur angestimmt. Am meisten jammerte Biller darüber, dass gar jene Schriftsteller, die einen Migrationshintergrund aufwiesen, sich diesem öden Literaturbetrieb anpassen würden – statt sich ihrer doch so spannenden Herkunft zu widmen (als wären sie dazu verpflichtet, diese auf ewig zum Thema ihrer literarischen Werke zu machen). Als ein Beispiel für seine These diente Biller der 1978 in Bosnien-Herzegowina geborene Saša Stanišić. Mit seinem 2006 erschienen Debüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ konnte Stanišić den Kritiker noch überzeugen, weil es ein universell verständlicher Roman über das Leben, Lieben und Töten in Bosnien gewesen sei. Doch statt am Sujet seines erfolgreichen Erstlings anzuknüpfen, hat sich der seit 1992 in Deutschland lebende Autor (sehr zum Ärger Billers) mit seinem zweiten Roman in die ostdeutsche Provinz zurückgezogen.

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Frankfurter Figurenkabinett

mosebach

Der eigenwillige Sprachvirtuose Martin Mosebach hat mit „Das Blutbuchenfest“ ein elegant schwungvollen Roman vorgelegt

Literaturtrophäen hat er bereits einige eingeheimst, auch die ganz großen wie den Kleist- oder den Georg-Büchner-Preis. Die nächste Auszeichnung könnte rasch folgen, denn Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse – und zwar vollkommen zurecht. Ein wunderbares Figurenkabinett hat der 62-Jährige in seinem neuen Roman zusammengestellt, dessen Schauplatz Frankfurt am Main ist. Dort tummeln sich gebieterische Geschäftsdamen, stolze Immobilienhaie, umtriebige Projektplaner und legere Lebenskünstler neben Frauen, in deren Glanz die stolzesten Hähne zu Gummibärchen schrumpfen.

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Weihnachtliche Science-Fiction

Klein

Georg Klein gehört zu jenen experimentierfreudigen Erzählern, die sich wenig um Genregrenzen kümmern. Das stellt er in seinem neuen Roman „Die Zukunft des Mars“ erneut unter Beweis.

Es war ein spätes Debüt, doch der Erstling, mit dem der 1953 in Augsburg geborene Germanist Georg Klein 1998 im Literaturbetrieb auftauchte, beeindruckt in seiner Raffinesse sowie Erzählreife noch heute. „Libidissi“ ist ein abgründiger Agentenroman, dessen Handlung in einer rätselhaften Zukunft spielt. Schauplatz des Geschehens ist eine labyrinthische Metropole im Orient, in der die Hauptfigur einem Killerduo zu entfliehen versucht, während die Anhänger einer Sekte einen Anschlag auf den Flughafen der Stadt planen. 15 Jahre nach „Libidissi“ hat Klein ein weiteres Mal eine mysteriöse, nicht datierte Zukunftsvision entworfen. In seinem neuen Roman „Die Zukunft des Mars“ wendet er sich jenem Roten Planeten unseres Sonnensystems zu, der regelmäßig die Fantasie der Literaten oder Filmemacher beflügelt. Letztes Jahr war ein Remake des auf dem Mars angesiedelten Science-Fiction-Klassikers „Total Recall“ in den Kinos zu bestaunen und im vergangenen Frühjahr wartete der Sprachkünstler Reinhard Jirgl in seinem Roman „Nichts von euch auf Erden“ mit einem düsteren Science-Fiction-Szenario auf, dessen Handlung sich ebenfalls in weiten Teilen auf dem Mars abspielt.

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18 – Männerreigen im Plauderton

schwitter

Monique Schwitter blickt auf ihre Lebensabschnittsgefährten zurück

Beim Prokrastinieren werden manchmal aufwühlende Erkenntnisse ins Bewusstsein geschwemmt. Diese Erfahrung macht die Protagonistin in Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand und jüngst mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden ist. Die namenlose Icherzählerin – die ebenso wie die 1972 in Zürich geborene Schwitter, einst Regie studiert hat, inzwischen jedoch als Schriftstellerin in Hamburg lebt – sitzt am Freitagabend, nachdem sie ihre zwei Kinder ins Bett gebracht hat, vor ihrem Computer, um an einem Text zu arbeiten; doch die endlosen Weiten des Internets locken und die Autorin lässt sich locken, tippt den Namen ihrer ersten großen Liebe in das dafür vorgesehene Feld der Suchmaschine ein und erfährt, dass Petrus (so sein Name) sich vor knapp fünf Jahren aus dem achten Stock in den Tod gestürzt hat.

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Monolog des Flaneurs

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Ulrich Schacht blickt beim Insel-Spaziergang zurück

Ein Endfünfziger unternimmt einen Tagesausflug von Reykjavik zu der winzigen Insel Grimsey. Dort spaziert er umher, genießt die Stille, betrachtet die Landschaft und knipst mit seiner Analogkamera Fotos von allem, was ihm interessant scheint. Dazu gehören eine Skulptur auf dem Friedhof, ein Junge, der in einer Pfütze spielt, ein Leuchtturm, Hunderte sterbender Fliegen in einer leerstehenden Kirche, ein Stahlkutter und die toten Möwen, die überall auf der Insel herumliegen. Jedes Motiv regt den Flaneur an zu Reflexionen oder erinnert ihn an Szenen seiner Kindheit. So schweift er nicht nur auf der Insel umher, sondern auch in seiner Gedankenwelt.

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Groteske Erzählungen über die Fragilität unserer Welt

Hohler

Ein Junggeselle spaziert in eine Zoohandlung, um sich ein Haustier anzuschaffen. Im Laden entscheidet er sich für ein geheimnisvolles Tier, das zusammengerollt im Käfig liegt. Das undefinierbare Wesen bleibt auch während der ersten Wochen zusammengerollt, offenbart nur nach und nach ein kleines Händchen, seinen Schwanz und einen Huf. Der Mann rätselt, welcher Gattung sein Haustier zugehören könnte und bekommt eines Tages unverhofft Gewissheit, als das Wesen durch einen im Radio übertragenen Gottesdienst aufgeschreckt wird: Zitternd, mit den Fingerchen die Gitterstäbe des Käfigs umklammernd steht er mit aufgerissenen Augen da – der kleine Teufel. Der Mann nimmt seinen neuen Mitbewohner mit stoischer Gelassenheit hin: „Ich hatte nichts dagegen, einen Teufel als Haustier zu haben, und ich nahm mir vor, genau so weiter zu leben wie bisher.“

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Schrullige Dorfgemeinschaft bei Tschernobyl

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Alina Bronsky erzählt von der Märchenidylle einer Tschernobyl-Heimkehrerin

Vor drei Jahren veröffentlichte der spanische Autor Javier Sebastián seinen Roman „Der Radfahrer von Tschernobyl“, in dem er von einem Atomphysiker erzählt, der sich vor dem weißrussischen Geheimdienst in eine nuklear verseuchte Geisterstadt flüchtet. In dieser sogenannten Todeszone lebt auch die Hauptfigur von Alina Bronskys neuem Kurzroman „Baba Dunjas letzte Liebe“.

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Meine Insellektüre – Der Esoterikheini und seine Kokosnuss

kracht Imperium

Christian Krachts Roman „Imperium“ dockt an einer realen Figur an und erzählt in einem flotten Stil mit viel Ironie eine irrsinnige Aussteigergeschichte aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, die mich während meiner ersten Tage auf Sylt bestens unterhalten und des Öfteren zum Lachen gebracht hat – als Satire auf einen abgedrehten Insulaner und übersteigerten Idealismus die ideale Insellektüre.

August Engelhardt hat die Nase voll, vom Deutschen Reich, der Moderne, der Zivilisation und jenen, die das alles in die Welt gesetzt haben – den Menschen. Also nichts wie weg aus dem gar nicht so guten alten Europa und ab in die Südsee, genauer gesagt: nach Neupommern, dem heutigen Neubritannien, das Anfang des 20. Jahrhunderts als Kolonie dem Deutschen Reich angehörte. Und in eben jene Zeit hat Christian Kracht die Handlung seines Romans „Imperium“ verlegt – wobei Zeitraum sowie Handlungsschauplatz im Prinzip vorgegeben waren, da Krachts Protagonist ein reales Vorbild gleichen Namens hat.

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Mann in der Krise

peltzer

In Ulrich Peltzers Roman „Das bessere Leben“ gibt die Krise den Ton an und lässt die erfolgsverwöhnten Protagonisten darüber sinnieren, ob ihr Leben nicht auch komplett anders hätte verlaufen können.

Als Teenager in den 70ern war Jochen Brockmann das, was manche damals einen Halbstarken nannten – Schule schwänzen, Dope in Venlo kaufen und in fetten Joints verarbeitet durchziehen, bekifft in der Stadt abhängen, öffentlich billigen Wein trinken und die aufgerauchten Kippenstummel lässig in hohem Bogen auf den Bürgersteig schnippen und damit auf das Spießbürgertum spucken. Das war früher! Mittlerweile arbeitet der 51-Jährige seit 14 Jahren als Sales Manager für die italienische Maschinenbaufirma Basaldella, jettet durch die Welt, nächtigt in edlen Hotels, handelt Millionenverträge aus und verdient dabei so gut, dass er sein Schwarzgeldkonto in Zürich fleißig füttern und seine Sammlung von Hockney-Zeichnungen Stück für Stück erweitern kann.

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